Aus aktuellem Anlass: Einschränkung der Kommentarfunktion bei der NZZ – oder warum Hinz und Kunz nicht überall mitreden müssen

Jetzt ist es endlich raus! Bei der NZZ ist die Kommentarfunktion auf drei Artikel pro Tag für einen tiefgängigeren Austausch zwischen Leser und Redaktion angepasst worden. Die Wellen schlagen hoch. Fast überall wird negativ oder mit Unverständnis über diesen Entscheid berichtet. Einige legen dem Neoliberalismus die Schlinge um den Hals, andere malen den Tod der Alten Tante an die Wand. Wieder andere gehen sogar so weit und laden Leser auf ihrer Webseite ein, Kommentare zu schreiben – ein Affront? Nein absolut nicht! 

Versetzen wir uns in die Lage, als es noch kein Internet gab. Gab es „damals“ Kommentarspalten, Live Ticker und Social Media? Um kritische Anmerkungen zu verfassen wurden Leserbriefe geschrieben, die eine Woche später erschienen – Social Media vom Feinsten! Sorgfältig ausgewählt, kuratiert, von Rechtschreibfehler nach dem 4-Augen-Prinzip befreit und schlussendlich gedruckt. Meinungsbefreiung des 19. und 20. Jahrhunderts. Eine glorreiche Errungenschaft, die die wenigsten heute noch kennen, es sei denn schätzen.

Der Fortschritt, die Digitalisierung, machte es möglich, dass Nachrichten zu einer Ubiquität wurden. Meinungsbildende Berichterstattung verlor an Wert. Einhergehend kam eine neue Errungenschaft der Moderne hervor: seine Meinung überall kundtun zu müssen.

Auf einmal wurde es möglich direkt und unverzüglich seinen Frust oder seine spontanen Gedanken über einen gelesenen Artikel der Welt zu verkünden. Eine grossartige Funktion, die auch von Medienhäusern gerne gesehen wird. Jedoch glitt das Niveau innerhalb kürzester Zeit ab. Dies belegen „Kommentare“ mit Beleidigungen oder Hasstiraden auf vielen Webseiten dieser Welt. Es geht nicht mehr um den Artikel, oft nur noch um blosse Aggressivität anderen gegenüber – und dafür musste weltweit wirklich eine Netiquette, also Höflichkeitsregeln / Verhaltensregeln, eingeführt werden? Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, stehen auf dem höchsten Wissensstand der Menschheit und schaffen es nicht, uns anderen gegenüber respektvoll zu benehmen?

Und genau deshalb ist es richtig Kommentare einzuschränken, um das Niveau wieder zu steigern, sinnvolle Diskussionen zu führen und auf die Bedürfnisse eines Einzelnen, nicht der Masse einzugehen. Genauso wie beim Leserbrief!

Die Neue Zürcher Zeitung schafft die Kommentarfunktion nicht per se ab. Sie schränkt auch keine Meinungsfreiheit ein. Sie konzentriert sich auf das Wesentliche, wie auch in den letzten 230 Jahren ihrer Geschichte. Es ist mutig, einen neuen Weg zu gehen und die NZZ geht ihn, getreu Horaz: „sapere aude“.