Woran man bei der Wahl eines Web-CMS denken sollte

Woran man bei der Wahl eines Web-CMS denken sollte

Das Angebot an Web-CMS ist gross. Wer sich vor unliebsamen Überraschungen in der Zukunft schützen will, tut gut daran, sein System ganz am Anfang sauber zu evaluieren. Hierzu gehört auch die Frage, ob es Open- oder Closed-Source-Software sein soll.

Artikel für die Netzwoche 11/2012 zum Thema Content-Management-System

Beim Briefing im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Website sind die Vorstellungen vielfältig und die Anforderungen der Auftraggeber an das Web-Content-Management-System (WCMS) oft sehr hoch. Vom Hörensagen kennt man die zahlreichen Funktionen und Erweiterungsmöglichkeiten der WCMS, die offensichtlich eine euphorisierende Wirkung haben. Da es kein bestes oder richtiges WCMS gibt, sondern nur eines, das die individuellen Anforderungen weitgehend erfüllen kann, sind das Herausarbeiten, Erkennen und Hinterfragen der aktuellen und künftigen Anforderungen an die Website eine wichtige Aufgabe im Briefing-Prozess. Beim Launch einer Website mit einem neuen WCMS hat sich die Devise «start small an grow» bewährt. Damit vermeidet man, dass aus einem einfachen Projekt eine «Never ending Story» wird.

Spezifikationen & Umfang

Vor diesem Hintergrund hat es sich als sinnvoll erwiesen, während der Briefing-Phase mit unserem Kunden die aktuellen und künftigen Anforderungen an das WCMS zu evaluieren. Dabei sollten folgende Fragen gestellt werden:

  • Welche speziellen Website-Funktionen sind vorzusehen (Extranet, Mehrsprachigkeit, Newsletter-Anmeldung etc.)?
  • Wird die Website inhouse oder bei einem spezialisierten Partner gehostet?
  • Welche internen Architekturen sind zu berücksichtigen?
  • Sollen bestehende Applikationen ins WCMS eingebaut oder eingebunden werden?
  • Wird die Website durch Content-Administratoren unterhalten? Haben sie unterschiedliche Zugriffsrechte? Wie ist der Content-Freigabe-Prozess gestaltet?
  • Welche Form hat der redigierbare Content der Website? Handelt es sich um unformatieren Text, formatierten Text mit Bildern und Dateien, komplexe, vom Layout losgelöste Daten (Adress- und Produktdatenbanken etc.)? Wie umfangreich ist der zu verarbeitende Content?
  • In welcher Kadenz wird der Content der Website überarbeitet?
  • Über welche Erfahrung in der Textgestaltung und Bildbearbeitung verfügen die Content-Administratoren?
  • Wie viele Content-Administratoren müssen ausgebildet werden und wie hoch ist deren Schulungsbedarf (Web-Affinität)?

Mit diesen und weiteren Informationen sollte man in der Lage sein, eine Empfehlung für die Wahl und die Konfiguration des WCMS zu unterbreiten.

Gerade in der Schweiz ist eine mehrsprachige Website Standard. Bei der Wahl eines WCMS sollte man deshalb prüfen, ob es für mehrsprachige Websites geeignet ist. Auch wenn die Website nur in einer Sprache lanciert wird, ist es angebracht, die Spracherweiterung als Option zu betrachten. Wenn mehrere Personen oder Gruppen für den Unterhalt der Website verantwortlich sind, sollte das Rechte-Management des CMS abgeklärt werden. Administratorengruppen mit unterschiedlichen Rechten für das Erarbeiten, Redigieren und Publizieren mit einer mehrstufigen Freigabekontrolle (Vier-Augen-Prinzip) sind oft sehr nützlich.

Suchmaschinenfreundlichkeit

Bei der Wahl eines WCMS spielt seine Suchmaschinenfreundlichkeit eine wichtige Rolle. Ein Spezialist kann dies anhand von Referenzprojekten prüfen. Auch sollte es möglich sein, die Meta Tags (Page Title, Description) für alle wichtigen Pages der Website individuell einzufügen. Bei der Programmierung der Templates ist darauf zu achten, dass das Verhältnis zwischen Code und Content fünfzig-fünfzig beträgt.

Wird eine Website unter mehreren Domains (MeineDomain.ch, MeineDomain.de, MeineDomain.com) publiziert, vereinfachen multidomainfähige WCMS wie Typo3, Drupal und Plone die Entwicklung, Pflege und Verwaltung. Mit ihnen lassen sich die Inhalte der drei Domains zentral in einem Seitenbaum des WCMS verwalten. Typo3 ermöglicht es zum Beispiel, auf einer WCMS-Installation und somit mit einem Log-in mehrere Websites inklusive Microsites sowie Extranets zu verwalten. Die Multidomainfähigkeit eines WCMS minimiert nicht nur den Administrationsaufwand, sie vereinfacht auch die Verwaltung der Zugriffsrechte, die Mehrfachverwendung von Content-Elementen sowie Bildern und Grafiken.

Open Source oder Closed Source?

An der Frage, ob das WCMS Open Source oder Closed Source sein soll, scheiden sich die Geister immer wieder. Falls die Infrastruktur des Auftraggebers den Einsatz eines Closed-Source-WCMS nicht aufdrängt, empfehlen wir ein Open-Source-WCMS. Der offene Zugang zum Quellcode hat sich bei der Umsetzung von Projekten immer wieder als Vorteil erwiesen. So kann das WCMS, insbesondere das Design und die User-Funktionalitäten, nach den Wünschen und Vorstellungen des Auftraggebers modifiziert werden. Der offene Code eines Open-Source-WCMS zieht Hacker an. Sollte ein Hackerangriff erfolgt oder möglich sein, werden bei einem weitverbreiteten Open-Source-WCMS wie Typo3 die Sicherheitslücken durch die grosse Community aber schnell, ehrlich und nachhaltig geschlossen. Trotzdem hört man immer wieder, dass ein Closed-Source-WCMS mehr Sicherheit und einen besseren Support gewährleistet. Wenn ein Unternehmen im Web sensitive Daten publiziert oder gewinnt, wird es Wert auf eine hohe Datensicherheit legen. Ein Closed-Source-WCMS bietet zwar meist eine höhere Datensicherheit, individuelle Anpassungen sind jedoch kostspieliger, da diese ausschliesslich vom Anbieter umgesetzt werden können. Dies kann im Projekt zu Terminverzögerungen und höheren Kosten führen.

Unbekannte Open-Source- und Closed-Source-WCMS sind meistens weniger verbreitet als zum Beispiel ein Typo3 oder Joomla. Was wiederum die Eintrittsbarrieren für Entwickler und Anwender erhöht, da weniger Erfahrung und kollektives Wissen zur Verfügung steht. Somit steigt der zeitliche und monetäre Aufwand bei der Umsetzung von speziellen Anforderungen. Bei der Nutzung eines Closed-Source-WCMS fallen Gebühren für die Lizenz und Releases an. Auch wenn diese bei einem Open-Source-WCMS wegfallen, muss der Support für die Installation und Konfiguration von Updates und Releases bezahlt werden – ähnlich wie bei einem Closed-Source-WCMS. Es sei denn, die Arbeit wird von einem Inhouse-Spezialisten übernommen. Weit verbreitete Open-Source-WCMS wie Typo3 oder Joomla werden laufend weiterentwickelt. Somit ist die Kompatibilität zu neuen Browsern oder Betriebssystemen gewährleistet. Diese Sicherheit bieten weniger verbreitete WCMS nur bedingt, da die Weiterentwicklung von der weiteren strategischen Ausrichtung, der Roadmap und der Kapazität des Anbieters abhängig ist.

Der Aufwand und die interne Unruhe beim Wechsel von einem WCMS zu einem anderen sind nicht zu unterschätzen. Insbesondere wenn Anpassungen der internen Architektur sowie der Aufbau von Wissen bei Systemadministratoren und Content-Administratoren notwendig sind.

Ausbaufähigkeit und Investitionssicherheit

Für die grossen WCMS stehen zahlreiche Erweiterungen (Extentions) wie Formular-Handler, Shop oder Foren bereit, die auch nach dem Launch integriert werden können. Alle Open-Source-CMS erlauben es, eigene Extentions oder Plug-ins zu entwickeln und in die Website zu integrieren. Für ein Unternehmen, das seinen Webauftritt sukzessive ausbaut, sind diese Extentions früher oder später von Nutzen.

Die Entwicklung einer Website ist meistens mit einer beträchtlichen Investition verbunden. Deshalb sollte der Entscheid für ein WCMS aufgrund einer mittelfristigen Perspektive gefällt werden. Es sollte ein WCMS gewählt werden, das kontinuierlich weiterentwickelt wird, was unter anderem die Kompatibilität mit neuen Browsern und Betriebssystemen sicherstellt.

Vor der Wahl des WCMS sollte deshalb geprüft werden, seit wann es angeboten wird. Ebenso lohnt es sich abzuklären, was der aktuelle Versionsstand ist und wie die Roadmap für die weitere Entwicklung aussieht. Zudem ist eine hohe Verbreitung eine gewisse Gewähr für die Weiterentwicklung, Referenzprojekte geben Aufschluss über die Funktionsfähigkeit eines WCMS.

Unabhängigkeit

Ein wichtiger Aspekt für die Empfehlung von Open-Source-WCMS ist die Unabhängigkeit, die man als Betreiber und als Agentur erhält. Typo3 beispielsweise ist weltweit mehr als 500 000 Mal im Einsatz, entsprechend gross ist die Entwickler- und Anwender-Community. Ein Typo3-Nutzer hat somit jederzeit die Möglichkeit, Fachleute, die mit der Weiterentwicklung seiner Website befasst sind, auszutauschen. Dabei braucht er keine langen Einarbeitungszeiten zu befürchten. Wer sich für ein weniger verbreitetes WCMS entscheidet, muss sich bewusst sein, dass er in Zukunft möglicherweise Probleme hat, Entwickler für Erweiterungen zu finden. Dasselbe gilt, wenn es um den notwendigen Support (Sicherheits-Releases und Updates) geht.

Für die Sicherheit und den Unterhalt des WCMS ist das Unternehmen verantwortlich, das das Hosting angemeldet hat und nicht der Hoster der Website. Dies betrifft auch das Beheben von Schäden nach möglichen Hackerangriffen oder bei Browser- und Betriebssystem-Inkompatibilitäten.

Fazit

Der Entscheid für ein WCMS, das die individuellen Anforderungen nicht erfüllt, kostet mittelfristig richtig Geld! Darum müssen im Vorfeld die heutigen und in den nächsten Jahren wirklich notwendigen WCMS-Funktionen sauber definiert und von den Nice-to-have-Funktionen abgegrenzt werden. Ein offenes Gespräch mit einem Internetdienstleister über die Erwartungen an ein WCMS sowie das Hinterfragen einer Empfehlung eines Dienstleisters lohnen sich. Dabei können kritische Punkte rechtzeitig erkannt und diskutiert werden. Nur so ist es möglich, das bestmögliche WCMS für die individuellen Bedürfnisse zu evaluieren.