Wo Big Data und Girlie Graphics aufeinander treffen

Das Angebot an Apps für Frauen, um den Zyklusverlauf zu protokollieren vergrössert sich stetig. Der Trend personenbezogene Daten aufzuzeichnen, zu analysieren und auszuwerten kommt aus den USA, wo Quantified Self (= Selbstvermessung) den Ursprung hat. Der Boom an Fertilitäts- und Menstruations-Apps ist zweifelsohne mit der Popularität dieser Bewegung verbunden.

 

Psychologischer Effekt

Wie eine spontane Umfrage unter Freundinnen gezeigt hat, steckt die Motivation detailreiche Informationen zum eigenen Zyklus aufzuzeichnen darin, dass das Sammeln und Analysieren ihnen helfe, ihren Körper besser zu verstehen und gesundheitliche Probleme wie z.B. Unfruchtbarkeit besser zu bewältigen.

Look und Wording

Während meiner Recherche habe ich schnell festgestellt, dass die Mehrheit gängigen Klischees entspricht. Trotz futuristischer Anmutung und Funktionsweise halten seltsamerweise viele an altmodischen Gender Stereotypen fest. Süsse Grafik und beruhigende Worte sind die Regel. «Period Plus» zum Beispiel – eine App, die über eine Million Nutzerinnen hat – weist als visuelle Hauptmerkmale ein rosa Farbschema mit einem lila Häschen, das merkwürdige Selbsthilfe-Weisheiten von sich gibt auf (z.B. «Was andere von dir denken ist nicht dein Problem!»). Sogar einige der Apps, die ohne rosa und lila auskommen halten am Ende an der weit verbreiteten Vorstellung fest, dass Themen wie Menstruation und Schwangerschaft zu kitschig seien, um auf eine verniedlichende Sprache zu verzichten. «Glow» zum Beispiel fordert Nutzerinnen zu Tasks wie «Ruf deine beste Freundin an» oder «Entspann dich in der Balasana-Pose (= Kinderpose im Yoga)» auf.

 

Einzige Ausnahme, die ich während meiner Recherche ausfindig machen konnte war «Clue». Die App verzichtet komplett auf lila und pink und verwendet stattdessen grün, rot, orange, petrolblau und anthrazit. Ida Tin, Gründerin von «Clue» ortet die Gründe für die Mädchenhaftigkeit der meisten Apps in der Tatsache, dass sie meist von Männern designt und entwickelt werden. Es gäbe ein Missverständnis darüber, was Nutzerinnen gefalle.

 

Nicht anders verhält es sich mit dem Naming. «Period Plus», «Period Tracker» oder «Fertility Friend» klingen nicht gerade diskret. Immerhin bietet «Period Tracker» ein modifiziertes iPhone Icon, welches die App mit «PTracker» abkürzt an. Und bei Fertility Friend hat die Nutzerin die Möglichkeit ihr eigenes Widget für den Homescreen zu kreieren. Dennoch, Bezeichnungen wie «Clue», «Glow» und «Kindara» sind einiges unauffälliger.

 

Features

Apropos Diskretion die meisten Applikationen kennen einen Passwortschutz, der die Privatsphäre gewährleistet. Ob das wirklich ein Plus ist wage ich anzuzweifeln. Der Trend geht eher in die entgegengesetzte Richtung. Schneller, einfacher Zugriff, ohne Unterbrechung des User Flows. Es sei denn der Schutz vor fremdem Zugriff funktioniert über Touch-ID.

 

Weitere häufig gesehene Features sind der Versand der Daten per E-Mail zur ärztlichen Kontrolle, Druck- und Sharefunktion, welche es erlauben den Zyklus-Kalender mit dem Partner zu teilen – entweder über einen Account oder per Spiegelung – sowie die Datensicherung per E-Mail, Dropbox oder in der Cloud.

 

Selbstverständlich enthalten die Apps neben der Datenaufzeichnung- und Verwaltung noch viel mehr Features: Anleitungen zu Messmethoden, Fruchtbarkeits-Prognosen, Austausch in Communities, Notifikationen (bspw. Erinnerung wenn die Pille genommen werden soll), detaillierte Zusammenfassungen, geräteübergreifende Synchronisation, Offline-Zugang usw.

 

Resümee

Seit der Pille gab es keine größeren Entwicklungen mehr im Bereich Geburtenkontrolle. Frauen bekommen heute immer später Kinder und wollen mehr denn je die Familienplanung kontrollieren. Insofern stellt Technologie verbunden mit dem Gebrauch von Smartphones die Zukunft der Familienplanung dar.

 

Die überwiegende Mehrheit der bestehenden App’s bedient sich einer trivial verniedlichenden Sprache – gestalterisch wie inhaltlich – abgesehen von einer einzigen löblichen Ausnahme. Warum fragt man nicht einfach uns Frauen nach unseren Bedürfnissen? Diesbezüglich könnten künftig bedeutend mehr Akzente gesetzt werden!